franzl sessel 1200 x 1028

Als Jagdgebrauchshund werden Hunde bezeichnet, die von Jägern zur Jagd gehalten bzw. eingesetzt werden. Jagdhund hingegen ist der Oberbegriff für alle Rassen, die ursprünglich zur Jagd gezüchtet wurden – unabhängig davon, ob sie allgemein oder das Individuum im Speziellen tatsächlich jagdlich verwendet werden. Der Begriff „Gebrauchshund“ hat also nichts mit einem Gebrauchsgegenstand zu tun, der beliebig ersetzbar ist – ein solcher Hund wird zu einem bestimmten Zweck eingesetzt (Jagd, Drogensuche, Lawinenrettung etc.). Er hat eine klar definierte Aufgabe, für die er gezüchtet und ausgebildet wurde.

Oftmals begegnet mir bei Nichtjägern das Vorurteil, Jagdgebrauchshunde seien arme, von ihrem Halter oftmals geschundene Kreaturen, die abseits der Jagd nur im Zwinger vor sich hinvegetieren. Genährt wird diese Überzeugung von Erzählungen oft sehr alten Ursprungs – wie Opa noch zu berichten weiß.

Wie war es denn früher und wie sieht es heute aus? Noch bis vor ungefähr 100 Jahren war Hundehaltung allgemein Luxus: wer keinen Hund für einen Arbeitszweck brauchte, hatte meist auch keinen. Hunde waren also tatsächlich in der Regel Nutztiere und so, wie man Rinder und Schweine nicht im Wohnbereich hielt, war es regulär auch mit Hunden. Der im Vergleich zu heute raue Ausbildungsstil war ebenfalls nichts Besonderes – mit Kindern, Auszubildenden oder Mitarbeiten wurde durchaus ähnlich verfahren. Viel Druck und Zwang, körperliche Züchtigung und frei nach dem Motto „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“. War ein Nutztier nicht (mehr) nutzbar, wurde es als unnützer Kostenfaktor entsorgt.

Gelegentlich trifft man diese Einstellung zum Jagdgebrauchshund auch noch heute an. Der Normalfall sieht in Deutschland allerdings ganz anders aus. Hunde sind heute überwiegend „nutzlose“ (also ohne speziellen Zweck angeschaffte) Haustiere, oft mit dem Status eines Familienmitgliedes. Diese Entwicklung ist auch an den Jägern und ihren Familien nicht vorübergegangen. Die Mehrzahl der Jagdgebrauchshunde lebt heute im Haus, wird geliebt, umsorgt und gepflegt – auch weit über den „Nutzungszeitraum“ hinaus – genau wie die Millionen „arbeitsloser“ Familienhunde.

Natürlich gibt es auch heute noch Zwingerhaltung. Aber ist sie tatsächlich zwingend schlimm für den Hund? Hunde sind Rudeltiere und bevorzugen die Nähe zu ihrem Menschen. Macht es dabei wirklich einen Unterschied, ob sie allein im Flur in ihrem Körbchen nächtigen oder in einer isolierten Hütte in einem Zwinger (beides bedarf der Gewöhnung)? Schlafzimmer oder gar Bett sind bei den meisten Hundehaltern bis heute tabu und viele schließen entsprechend auch die Tür, sperren ihren Hund also vom gemeinsamen Nachtlager aus. Und tagsüber, wenn die Menschen arbeiten oder in der Schule sind? Ist ein für den menschlichen Bedarf eingerichtetes Wohnzimmer oder ein Flur dann zwingend schöner für den Hund als ein Zwinger? Womöglich gar mit Auslauf und wo er meist weit mehr tun darf, als im Haus: z.B. sich lösen oder einen fleischigen Knochen benagen… Das schlechte Image des Zwingers entsteht vermutlich durch die Gitter, die uns an Gefängnisse für Menschen erinnern (dabei sehen moderne JVAs gar nicht mehr so aus).

Abzulehnen hingegen ist die Haltung eines Hundes ohne genügend Sozialkontakt und ohne ausreichende Beschäftigung – da ist es völlig unerheblich, ob er in einem Raum mit oder ohne Gitter untergebracht ist. Die meisten Jagdgebrauchshunde werden regelmäßig intensiv gefordert und gefördert, schon um ihre Arbeitsleistung zu erhalten. „Vergammelt“ sind sie daher früher im Zwinger auch nicht – es kam nur niemand auf die Idee, sein Nutztier mit ins Restaurant, zum Stadtbummel, aufs Volksfest oder mit in den Urlaub zu nehmen. Heute leben die Hunde der meisten Jäger oft gänzlich im Haus oder lediglich zeitweise in Zwingerhaltung und werden wie die anderen Familienhunde zu allen möglichen Events mitgenommen.

Bleibt die Sache mit den „geschundenen Kreaturen“. Die alten Methoden waren bewährt und zu ihrer Zeit einfach so üblich. Bewährtes hält sich lange („never change a running system“) – aber auch hier unterscheidet sich die Jägerschaft nicht vom Rest der Menschheit. Wie in der Familienhundewelt gibt es auch bei den Jagdhundeausbildern ein breites Spektrum an Methoden und vieles verändert sich in der Hundeausbildung in allen Sparten zum Positiven. Der heutige Jagdgebrauchshundehalter hat zu seinem Hund als Familienmitglied ebenfalls einen anderen Zugang: die Hunde werden nicht mehr wie Gebrauchsgegenstände behandelt, die im Zweifel schlicht entsorgt werden. Auch kommen viele der tradierten und durchaus fragwürdigen Ausbildungsmethoden bei einer so engen Beziehung nicht mehr infrage. Und nicht zuletzt wurden durch den Tierschutzgedanken Gesetze erlassen, die gewisse Richtlinien im Umgang mit Tieren vorgeben.

Wie weit sich die hundehaltende Jägerschaft den reinen Familienhundehaltern schon angeglichen hat, kann man auch an der Wahl der Rasse sehen. Immer häufiger entscheidet der Familienrat oder die persönliche Vorliebe darüber, welcher Jagdhund einzieht. Ob der Hund zum eigenen jagdlichen Arbeitsgebiet und Arbeitsangebot passt, scheint nebensächlich zu werden. Kein guter Trend – weder für die Hunde, noch die Rassen, noch das Wild.

Heutige Jagdgebrauchshunde sind im überwiegenden Teil ihres Lebens Familienhunde. Sie lernen lediglich einen zusätzlichen Job, dem sie in der Freizeit des Besitzers (Ausnahme: Berufsjäger und Förster) gemeinsam mit diesem intensiv nachgehen. In ihrer eigenen Freizeit als Hund leben sie wie jeder Familienhund einfach den Alltag ihrer Menschen mit.

Autor: Anke Lehne