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Ist von dem Einfluss körperlicher Erkrankungen auf das Verhalten die Rede, denkt man schnell an schwerwiegende Verhaltensprobleme oder Verhaltensstörungen.
Doch auch ein normales (wenngleich in privater Hand meist unerwünschtes) Verhalten - das Jagdverhalten- wird wesentlich durch den körperlichen und psychischen Gesundheitszustand unseres Vierbeiners beeinflusst.
Diese Beeinflussung kann dabei in beide Richtungen geschehen: während einige Erkrankungen zu einem verminderten Jagdverhalten führen, lösen andere Erkrankungen vermehrtes Jagdverhalten aus. Der Zusammenhang zwischen körperlicher Gesundheit, Jagdverhalten und Training des Hundes ist dabei komplex, sodass in vielen Fällen die gleiche Erkrankung sowohl zu einem verminderten als auch zu einem vermehrten Auftreten des Jagdverhaltens führen kann.

Reduziertes Jagdverhalten

In erster Linie führt eine Vielzahl von körperlichen Erkrankungen zu einem reduzierten Jagdverhalten.
 MG 9156Die häufigste Ursache bilden Schmerzen. Dabei können diese Schmerzen sowohl den Bewegungsapparat betreffen als auch den Magen-Darm-Trakt oder jegliche andere Organe. Da davon ausgegangen werden kann, dass Schmerzen beim Hund seltener diagnostiziert werden als sie auftreten, sollte hier bei plötzlich vermindertem Jagdverhalten ein besonderer Fokus liegen. Zu beachten ist, dass insbesondere Hunde, die überwiegend an der Schleppleine laufen und gegebenenfalls mit Schwung in das Ende der Leine hineinlaufen, regelmäßig hinsichtlich möglicher Probleme im Bewegungsapparat kontrolliert werden sollten.
Neben Schmerzen kann auch eine schlechte Kondition zu reduzierterem Jagdverhalten führen. Je nach Ausprägung sind hier in der Regel die kräftezehrenden Elemente „Ausschau halten“ und „Hetzen“ der Jagdverhaltenskette betroffen. Diese schlechte Kondition kann wiederum die unterschiedlichsten Ursachen haben. Sowohl Herz- und Lungenerkrankungen als auch hormonelle Erkrankungen wie die Schilddrüsenunterfunktion, das Cushing-Syndrom oder Diabetes mellitus können zu einer Leistungsinsuffizienz führen. Infektionserkrankungen und Blutarmut zählen ebenfalls zu häufigen Auslösern und sollten ursächlich weiter abgeklärt werden.
Rasseveranlagung und Lernerfahrungen führen dazu, dass einige Hunde verstärkt auf Sichtreize reagieren, während andere Hunde sich vor allem für Geruch interessieren. Lässt die Sehleistung nach, z. B. durch eine Linsentrübung oder eine Netzhautablösung, kann dies dazu führen, dass beim Vierbeiner deutlich seltener Jagdverhalten ausgelöst wird. Ein verminderter Geruchssinn kann unter anderem bei einer Infektion der oberen Atemwege auftreten. Lösen wiederum Geräusche Jagdverhalten aus, wie auf dem Wasser landende Enten oder krähende Fasane, ist bei nachlassender Hörleistung, z. B. altersbedingt oder durch eine Ohrenentzündung, auch hier mit vermindertem Jagdverhalten zu rechnen.

Neben körperlichen Erkrankungen spielt auch der psychische Zustand des Hundes eine wichtige Rolle. Angstverhalten ist ein starker Hemmer des Jagdverhaltens. Leiden Hunde also z. B. unter einer Furcht vor Gewitter, ist es wahrscheinlich, dass sie während des Unwetters kein oder ein deutlich reduziertes Jagdverhalten zeigen. Dies bedingt aber auch, dass (Tierschutz-)Hunde, die zunächst unter Angst oder Unsicherheit im neuen Zuhause litten, mit zunehmender Sicherheit plötzlich Jagdverhalten zeigen können, das zuvor gehemmt war.
Nicht zuletzt berichten viele Hundehalter, dass ihr an Demenz erkrankter Vierbeiner deutlich weniger Jagdverhalten zeigt. Da erkrankte Patienten häufig bereits ein hohes Alter aufweisen, könnten hier außerdem nachlassende Sinnesleistungen oder Schmerzen eine Rolle spielen.

Vermehrtes Jagdverhalten

Tritt unter einer Erkrankung vermehrtes Jagdverhalten auf, handelt es sich hier in der Regel um „Pseudojagdverhalten“. Beim Pseudojagdverhalten wird Stress mit Elementen des Jagdverhaltens kompensiert. Dieser Stress kann sowohl durch körperliche als auch durch psychische Ursachen bedingt sein.
Zu den häufigsten körperlichen Stressoren zählen auch hier die Schmerzen. Zu den häufigsten psychischen Stressoren zählt die Furcht vor bestimmten Reizen, wie Geräuschen, Menschen oder anderen Hunden.
Nicht unterschätzt werden sollte zudem, dass eine allgemein herabgesetzt Reizschwelle zu schnellerem und früherem Auslösen von Jagdverhalten führen kann. Es kann davon ausgegangen werden, dass ein Großteil aller Erkrankungen die Reizschwelle des Hundes herabsetzt. Besonders häufig ist ursächlich unter anderem Juckreiz (z. B. durch Allergien) zu beobachten. Eine vermehrte Aktivität des Hundes sollte nicht dazu verleiten, Schmerzen grundsätzlich auszuschließen. Die während des Jagdverhaltens ausgeschütteten Hormone und Botenstoffe wirken als „körpereigene Schmerzmittel“, sodass zahlreiche Hunde trotz vielfältiger Probleme im Bewegungsapparat während des Jagens dennoch eine beeindruckende Leistung abrufen können.

Elemente aus dem Jagdverhalten können außerdem als abnorm-repetitive Verhaltensweise (ARV, umgangssprachlich „Stereotypie“) auftreten. In erster Linie betroffen sind hier die Bereiche „Fixieren“ und „Hetzen“ (lokomotorische ARV: Jagen von Schatten oder Lichtreflexen) sowie „Packen“ (halluzinatorische ARV: Fliegen schnappen). Gekennzeichnet ist das Verhalten in diesem Fall dadurch, dass es unangemessen wiederholt auftritt und in seiner Ausführung extrem gleichförmig ist.

Schlechtere Kontrollierbarkeit des Jagdverhaltens

Verschiedene körperliche Erkrankungen können außerdem dazu führen, dass die bisher im Training eingesetzte Belohnung für den Hund keine (ausreichende) Belohnung mehr darstellt. Dies führt dazu, dass das Ausführen der Signale nicht mehr (ausreichend) verstärkt wird. Abhängig vom Trainingsstand des Hundes führt das dazu, dass die Signale nach kürzerer oder längerer Zeit zunehmend unzuverlässiger bis gar nicht mehr ausgeführt werden. Während das eigentliche Jagdverhalten also unverändert auftritt, ist die Kontrolle des Verhaltens durch trainierte Signale stark herabgesetzt.
Wurde der Hund bisher durch das Hetzen eines Fellspielszeugs für den Rückruf belohnt, können Schmerzen im Bewegungsapparat das Hetzen plötzlich unattraktiv werden lassen. Der Rückruf wird zunehmend schlechter befolgt. Leidet der Hund hingegen unter einer Magenschleimhautentzündung, wird er möglicherweise das Schlecken an der Leberwursttube weniger belohnend empfinden.

Jenseits der Belohnung ist es außerdem möglich, dass die Ausführung des Signals selbst unangenehm oder sogar schmerzhaft ist. So wird der Hund für die Ausführung des Signals bestraft, auch wenn es dem Halter möglicherweise nicht bewusst ist. In der Konsequenz wird das Verhalten seltener gezeigt. Auch das führt zu einer schlechteren Kontrollierbarkeit des Jagdverhaltens. Hat sich ein Hund bisher an Wild gut stoppen lassen, indem er sich auf einen Pfiff hin abgesetzt hat, wird er dies deutlich weniger zuverlässig ausführen, wenn das Setzen schmerzhaft ist.

Fazit

Jagdverhalten kann nicht abgestellt werden, es kann lediglich durch Training von Signalen und alternativen Verhaltensweisen kontrollierbar gemacht werden. Lässt das Jagdverhalten eines Hundes sehr plötzlich nach, muss daher der körperliche und psychische Zustand des Hundes kritisch überprüft werden.
Wie auch bei anderen Trainingsfragestellungen und in der Verhaltenstherapie sollte beim Antijagd-Training der gesundheitliche Zustand des Hundes vor Trainingsbeginn überprüft werden und während des Trainings laufend im Auge behalten werden. Spätestens jedoch, wenn das Training keinen zufriedenstellenden Fortschritt aufweist, müssen Erkrankungen als Ursache ausgeschlossen werden.

Schweißhund bei Mantrailing auf freier Fläche

Beim Mantrailing verfolgt der Hund die Geruchsspur einer Person und arbeitet selbstständig an einer langen Leine. Er soll seinen Hundeführer „mitnehmen“, nach vorne arbeiten und sich voll und ganz auf die Spur fokussieren. Beim Anti Jagd Training arbeiten wir an Elementen wie Ansprechbarkeit, Orientierung am Hundeführer und das zuverlässige Ausführen von Signalen unter hoher Ablenkung. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass dies gegensätzlich ist und sich nahezu ausschließt. Dennoch ergänzen sich diese beiden Elemente wunderbar. Warum? Nun, dazu müssen wir etwas ausholen.

Für das Anti Jagd Training werden häufig Hunde vorstellig, die sehr selbstständig unterwegs sind, draußen jeder Spur nachgehen und schnell ihren Besitzer „vergessen“. Die Nasenarbeit ist häufig durch eine lange Selektionsgeschichte in spezieller Form gefördert worden und die Hunde wurden für einen bestimmten „Job“ gezüchtet. Sie stöbern, sie verfolgen eine Spur, sie suchen mit hoher Nase im Wind oder suchen akribisch im hohen Bewuchs. Was „des einen Freud, ist des anderen Leid“, denn im Alltag möchte der Hundebesitzer, sofern er den Hund nicht jagdlich führt, normalerweise nichts von all diesen Elementen aus der Jagdverhaltenskette, vor allem nicht, wenn der Hund sie ohne Besitzer ausführt.

Hier wird es nun spannend. Wir müssen uns bewusst machen, dass der Hund diese genetischen Merkmale nicht einfach „abstellen“ kann. Im Anti Jagd Training arbeiten wir an einer Kontrollierbarkeit dieser Dinge. Dennoch ist es dem Hund ein Bedürfnis, diese Aktivitäten auszuführen. Im Idealfall greifen wir die Hobbys des Hundes also an anderer Stelle wieder auf und sorgen dafür, dass er diese in einem von uns vorgegebenen Rahmen ausführen darf. Wir sorgen für Bedürfnisbefriedigung durch eine entsprechende Auslastung. Und genau hier kann Mantrailing ins Spiel kommen und zwar für all die Hunde, die gern und viel mit der Nase unterwegs sind.

Mantrailing als Ergaenzung zum Anti Jagd Training 03

Beim Trailen gebe ich dem Hund vor, welche Geruchsspur er verfolgen soll, nämlich die eines Menschen. Er arbeitet mit mir als Team, hat aber die deutlich bessere Nase und kann diese Fähigkeit voll und ganz ausschöpfen. Gerade die Nasenarbeit macht viele Hunde glücklich, müde und ausgeglichen. In vielen Fällen wird der Effekt erzielt, dass der Hund sich über das Mantrailing das „holt“, was er sonst draußen in freier Umgebung mit Wildspuren machen würde. Ich habe einige Hunde im Training, die durch das Mantrailing und die damit einhergehende Auslastung in der Freizeit wieder ableinbar sind. Andersrum habe ich es ebenso erlebt, dass der Hund plötzlich nicht mehr ableinbar war, nachdem die Arbeit im Mantrailing eingestellt wurde, denn: Der Hund hat sich durch das Verfolgen „wilder Spuren“ draußen selbst eine Beschäftigung gesucht, um auf seine Kosten zu kommen.

Für Hunde, die also sowieso viel mit der Nase unterwegs sind, ist das Mantrailing absolut genial. Trotzdem sollte man immer schauen, welche Suchenform der Hund bevorzugt. Ein Hund, der naturgemäß Hochwind arbeitet, muss erstmal verstehen, dass im Mantrailing etwas anderes gefordert wird, nämlich eine Spur zu verfolgen. Natürlich kann ein Hund dies lernen, man muss sich aber vor Augen führen, dass ihm dies u.U. nicht als erstes einfallen wird. Ein gut durchdachtes, schrittweises Training ist hier nötig.

Im Umkehrschluss möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ein Hund, der naturgemäß eben nicht so viel mit der Nase unterwegs ist, wie z.B. ein Hütehund oder ein Windhund, zwar durchaus Mantrailing lernen kann, man sich aber gut überlegen sollte, ob es sinnvoll ist. Denn ich zeige dem Hund das Konzept Nase mit viel Emotion und Belohnung und es ist gut möglich, dass er die Nase auch im Alltag intensiver anwendet. Aus einem Sichtjäger wird ein Hund, der zusätzlich über die Nase arbeitet. Dies MUSS nicht passieren, KANN es aber. Natürlich ist jeder Hund anders. Ich habe auch Hütehunde im Training, die schon naturgemäß so viel mit der Nase aktiv sind, dass das Mantrailing einfach ein hervorragendes Hobby für sie ist.

Man muss das Individuum betrachten!

Meine Windhund Hündin z.B. hat gar kein Interesse an Spuren und jagt, der Rassebeschreibung entsprechend, nur auf Sicht. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, ihr Mantrailing beizubringen, damit es auch dabei bleibt.

Mein Schweißhund dagegen ist speziell für diese Arbeit angeschafft worden und bringt rein genetisch natürlich das Element „Verfolgen“ aus der Jagdverhaltenskette mit. Er trailt bereits seit seiner 8. Lebenswoche. Er kann sich draußen in der Natur viel besser kontrollieren, wenn er über das Mantrailing ausgelastet ist.

Zum Abschluss möchte ich nochmal auf eine ungewöhnliche Variante der Ergänzung vom Anti Jagd Training und Mantrailing hinweisen. Wer das Mantrailing ambitioniert betreibt, wird evtl. bei einem spezialisierten Jagdhund in Gegenden wie Wald und Wiese plötzlich das Problem der Ablenkung durch Wildspuren feststellen. Hier zahlt sich ein gutes Jagdkontrolltraining aus! Wenn der Hund gelernt hat, seine Erregung zu kontrollieren, ggf. Wild anzuzeigen statt zu verfolgen und auf Signale des Hundeführers unter Ablenkung zu reagieren, kann er diese Situation viel besser meistern. Hat das Team dann noch einen guten Trail Trainer, der die Motivation im Auge hat, ist diese Herausforderung durchaus zu meistern. Hier gehen Jagdkontrolltraining und Mantrailing wieder einmal Hand in Hand.

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Immer wieder begegnet mir im Rahmen von Problemhundberatung und Anti-Jagd-Training die Aussage: „Mein Hütehund jagt… aber Hütehunde jagen doch gar nicht“.
Leider tun sie das doch! Und zwar nicht nur, wenn sie rasse-untypisches Verhalten zeigen, sondern auch ganz rassetypisch und bei ihrer Arbeit am Vieh! Denn Hüteverhalten ist grob gesagt nichts anderes, als Jagdverhalten ohne Totbiss.

Wenn man sich die Jagdverhaltenskette genauer anschaut, wird man schnell feststellen, dass ein Hütehund eigentlich sogar ein ziemlich guter Jäger ist. Zunächst begibt der Hütehund sich auf die Suche nach Schafen – dies erfolgt in der Regel durch optische Orientierung. Sobald der Hütehund die Schafe sieht, folgt das Fixieren (Verharren – Anschleichen – Verharren). Dieses Bild eines Border Collies, der sich „eine Etage tiefer gelegt“ anpirscht, kennt fast jeder. Im Idealfall treibt der Hütehund nun das Vieh durch Fixieren und langsames vorwärts gehen im gemäßigten Tempo zu seinem Hundeführer.

Je nachdem welchem Typ Hütehund derjenige angehört, wird er u. U. auch mehr oder weniger die Idee im Kopf haben, in die Fessel zu zwicken, um das Vieh in die gewünschte Richtung zu treiben. Lediglich das Töten und Wegtragen der Beute sollte der Hütehund seinem Hundeführer überlassen.
Da Hütehunde eher in die Kategorie „Sichtjäger“ gehören, werden die meisten Hütehunde zu Beginn ihrer Jagdkarriere in der Regel nicht auf Spurensuche gehen. Durch zufällige Begegnungen mit flüchtendem Wild lernen nicht wenige Hütehunde allerdings, dass es sich auch durchaus lohnen kann, geruchlich auf die Suche danach zu gehen. Und schwupps – schon hat man einen Hütehund, der Spuren sucht, verfolgt und Wild hetzt. Wie gut der Hund in diesen Situationen dann ansprechbar/abrufbar ist, hängt stark vom Individuum und seinem Trainingsstand ab.

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Desweiteren kommt es in der Entwicklung eines Hütehundes oft schon relativ früh zu dem Punkt, wo der junge Hund feststellt, dass es sich für ihn extrem gut anfühlt, bewegte Dinge (Autos, Radfahrer, Jogger, andere Hunde, etc.) anzuglotzen. Solange es nur beim Glotzen bleibt, fällt vielen Hundehaltern gar nicht unbedingt auf, dass ihr Hund gerade evtl. ein problematisches Verhalten entwickelt. In dem Moment, wo der Hund dann das erste Mal wie wild in die Leine springt oder (unangeleint) einem bewegten Objekt hinterher rennt, wird dem Hundehalter dann oft klar, dass es an der Zeit ist, einzugreifen. Dieses Verhalten wird dann oft als Aggression oder Jagdverhalten beschrieben, dabei handelt es sich auch hier um (fehlgerichtetes) Hüteverhalten.

Muss man das jetzt als rassespezifisch akzeptieren? NEIN!
Denn selbst ein am Vieh arbeitender Hütehund muss lernen, was man hüten kann/darf und was nicht. Ebenso, wie ein Jagdhund lernen muss, wann er seinen jagdlichen Job erledigen soll und wann nicht. Und hierbei hilft ein ggf. leicht abgewandeltes Anti-Jagd-Training ausgezeichnet.

 

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Als Jagdgebrauchshund werden Hunde bezeichnet, die von Jägern zur Jagd gehalten bzw. eingesetzt werden. Jagdhund hingegen ist der Oberbegriff für alle Rassen, die ursprünglich zur Jagd gezüchtet wurden – unabhängig davon, ob sie allgemein oder das Individuum im Speziellen tatsächlich jagdlich verwendet werden. Der Begriff „Gebrauchshund“ hat also nichts mit einem Gebrauchsgegenstand zu tun, der beliebig ersetzbar ist – ein solcher Hund wird zu einem bestimmten Zweck eingesetzt (Jagd, Drogensuche, Lawinenrettung etc.). Er hat eine klar definierte Aufgabe, für die er gezüchtet und ausgebildet wurde.

Oftmals begegnet mir bei Nichtjägern das Vorurteil, Jagdgebrauchshunde seien arme, von ihrem Halter oftmals geschundene Kreaturen, die abseits der Jagd nur im Zwinger vor sich hinvegetieren. Genährt wird diese Überzeugung von Erzählungen oft sehr alten Ursprungs – wie Opa noch zu berichten weiß.

Wie war es denn früher und wie sieht es heute aus? Noch bis vor ungefähr 100 Jahren war Hundehaltung allgemein Luxus: wer keinen Hund für einen Arbeitszweck brauchte, hatte meist auch keinen. Hunde waren also tatsächlich in der Regel Nutztiere und so, wie man Rinder und Schweine nicht im Wohnbereich hielt, war es regulär auch mit Hunden. Der im Vergleich zu heute raue Ausbildungsstil war ebenfalls nichts Besonderes – mit Kindern, Auszubildenden oder Mitarbeiten wurde durchaus ähnlich verfahren. Viel Druck und Zwang, körperliche Züchtigung und frei nach dem Motto „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“. War ein Nutztier nicht (mehr) nutzbar, wurde es als unnützer Kostenfaktor entsorgt.

Gelegentlich trifft man diese Einstellung zum Jagdgebrauchshund auch noch heute an. Der Normalfall sieht in Deutschland allerdings ganz anders aus. Hunde sind heute überwiegend „nutzlose“ (also ohne speziellen Zweck angeschaffte) Haustiere, oft mit dem Status eines Familienmitgliedes. Diese Entwicklung ist auch an den Jägern und ihren Familien nicht vorübergegangen. Die Mehrzahl der Jagdgebrauchshunde lebt heute im Haus, wird geliebt, umsorgt und gepflegt – auch weit über den „Nutzungszeitraum“ hinaus – genau wie die Millionen „arbeitsloser“ Familienhunde.

Natürlich gibt es auch heute noch Zwingerhaltung. Aber ist sie tatsächlich zwingend schlimm für den Hund? Hunde sind Rudeltiere und bevorzugen die Nähe zu ihrem Menschen. Macht es dabei wirklich einen Unterschied, ob sie allein im Flur in ihrem Körbchen nächtigen oder in einer isolierten Hütte in einem Zwinger (beides bedarf der Gewöhnung)? Schlafzimmer oder gar Bett sind bei den meisten Hundehaltern bis heute tabu und viele schließen entsprechend auch die Tür, sperren ihren Hund also vom gemeinsamen Nachtlager aus. Und tagsüber, wenn die Menschen arbeiten oder in der Schule sind? Ist ein für den menschlichen Bedarf eingerichtetes Wohnzimmer oder ein Flur dann zwingend schöner für den Hund als ein Zwinger? Womöglich gar mit Auslauf und wo er meist weit mehr tun darf, als im Haus: z.B. sich lösen oder einen fleischigen Knochen benagen… Das schlechte Image des Zwingers entsteht vermutlich durch die Gitter, die uns an Gefängnisse für Menschen erinnern (dabei sehen moderne JVAs gar nicht mehr so aus).

Abzulehnen hingegen ist die Haltung eines Hundes ohne genügend Sozialkontakt und ohne ausreichende Beschäftigung – da ist es völlig unerheblich, ob er in einem Raum mit oder ohne Gitter untergebracht ist. Die meisten Jagdgebrauchshunde werden regelmäßig intensiv gefordert und gefördert, schon um ihre Arbeitsleistung zu erhalten. „Vergammelt“ sind sie daher früher im Zwinger auch nicht – es kam nur niemand auf die Idee, sein Nutztier mit ins Restaurant, zum Stadtbummel, aufs Volksfest oder mit in den Urlaub zu nehmen. Heute leben die Hunde der meisten Jäger oft gänzlich im Haus oder lediglich zeitweise in Zwingerhaltung und werden wie die anderen Familienhunde zu allen möglichen Events mitgenommen.

Bleibt die Sache mit den „geschundenen Kreaturen“. Die alten Methoden waren bewährt und zu ihrer Zeit einfach so üblich. Bewährtes hält sich lange („never change a running system“) – aber auch hier unterscheidet sich die Jägerschaft nicht vom Rest der Menschheit. Wie in der Familienhundewelt gibt es auch bei den Jagdhundeausbildern ein breites Spektrum an Methoden und vieles verändert sich in der Hundeausbildung in allen Sparten zum Positiven. Der heutige Jagdgebrauchshundehalter hat zu seinem Hund als Familienmitglied ebenfalls einen anderen Zugang: die Hunde werden nicht mehr wie Gebrauchsgegenstände behandelt, die im Zweifel schlicht entsorgt werden. Auch kommen viele der tradierten und durchaus fragwürdigen Ausbildungsmethoden bei einer so engen Beziehung nicht mehr infrage. Und nicht zuletzt wurden durch den Tierschutzgedanken Gesetze erlassen, die gewisse Richtlinien im Umgang mit Tieren vorgeben.

Wie weit sich die hundehaltende Jägerschaft den reinen Familienhundehaltern schon angeglichen hat, kann man auch an der Wahl der Rasse sehen. Immer häufiger entscheidet der Familienrat oder die persönliche Vorliebe darüber, welcher Jagdhund einzieht. Ob der Hund zum eigenen jagdlichen Arbeitsgebiet und Arbeitsangebot passt, scheint nebensächlich zu werden. Kein guter Trend – weder für die Hunde, noch die Rassen, noch das Wild.

Heutige Jagdgebrauchshunde sind im überwiegenden Teil ihres Lebens Familienhunde. Sie lernen lediglich einen zusätzlichen Job, dem sie in der Freizeit des Besitzers (Ausnahme: Berufsjäger und Förster) gemeinsam mit diesem intensiv nachgehen. In ihrer eigenen Freizeit als Hund leben sie wie jeder Familienhund einfach den Alltag ihrer Menschen mit.

Autor: Anke Lehne

„Jagende Hunde sinnvoll beschäftigen“ - dieser Artikel unserer Dozentin Pia Gröning wurde im BHV-Magazin „Der Familienhund“ veröffentlicht. Hier kann er kostenlos heruntergeladen werden:

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Viel Spaß beim Lesen wünschen Anke Lehne & Pia Gröning!